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1,4 Millionen Kinder und Jugendliche Opfer von Cybermobbing

18. Mai 2017 von
Claudia Brümmer, Leiterin der Beratungsstelle für Eltern, Kinder und Jugendliche, stand regionalHeute.de als Interviewpartnerin zum Thema Cybermobbing zur Verfügung. Foto: CB/Pixabay
Goslar. Laut einer kürzlich durchgeführten Cyberlife-Studie wurden im Zeitraum von Oktober 2016 bis Februar 2017 1,4 Millionen Kinder und Jugendliche Opfer von Cybermobbing. Diese ernüchternde Zahl nahm regionalHeute.de zum Anlass, ein Interview mit Claudia Brümmer, Leiterin der Goslarer Beratungsstelle für Eltern, Kinder und Jugendliche, zu führen.

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Wie oft wird Cybermobbing im Landkreis Goslar zum Thema?

Claudia Brümmer: Genaue Zahlen kann ich ihnen nicht nennen, aber in Beratungen taucht das Thema immer wieder auf. Allerdings wird der Begriff oft zu schnell in den Mund genommen. Schon bei einer einmaligen Zurückweisung oder Beleidigung mag sich mancher gemobbt fühlen, tatsächlich gebraucht man diesen Terminus erst, wenn sich solche Aktionen über einen längeren Zeitraum abspielen. Dazu gehören Bedrohungen, Belästigungen, Erpressungen und Verbreitungen verunglimpfender Inhalte. Wie gesagt, spielt hier der Zeitfaktor eine entscheidende Rolle.

Unter welchen Folgen leiden die Opfer?

Brümmer: Die Betroffenen zeigen Scham, ziehen sich zurück. Oftmals ist eine Wesensveränderung zu beobachten. Dinge, die früher noch Freude bereiteten, machen dem Kind keinen Spaß mehr. Oder sie wollen nicht mehr zur Schule gehen, schieben Krankheit vor. Außerdem macht sich eine große Verunsicherung breit, ein Misstrauen in Freundschaften kann entstehen.

Es kann aber auch zu richtigen, körperlichen Problemen kommen. Die Kinder bekommen Schlafprobleme, Kopf- und Bauchschmerzen, Essstörungen und werden häufiger krank. Dazu sinkt das Selbstwertgefühl, viele fühlen sich hilflos und ohnmächtig, glauben, dass sie nichts dagegen tun können. Im schlimmsten Fall setzen Depressionen, Ängste und Suizidgedanken ein.

Was können Opfer tun?

Brümmer: Wichtig ist, dass man nicht mit den Problemen allein bleibt, sondern sich im optimalen Fall möglichst schnell an Erwachsene, Vertrauenspersonen wendet. Das müssen nicht zwingend die eigenen Eltern, sondern können auch Menschen aus der Verwandtschaft wie die Oma oder Tante sein. Aber auch die Freunde können unterstützend wirken, indem sie sich beispielsweise mit Kommentaren gegen die Angriffe positionieren. Allerdings gilt dann, wenn das Kind sich mitteilt, nicht vorschnell zu reagieren und vorher mit ihm abzusprechen, welche Reaktion sinnvoll ist.

Wie sollten sich Eltern verhalten?

Brümmer: In erster Linie sollte man den Kindern zuhören, ihr Anliegen ernst nehmen und ihnen Zuwendung und Rückhalt schenken. Trotzdem sollten sich die Folgetage nicht allein um das Thema kreisen. Es gibt auch noch andere wichtige Dinge im Leben eines jungen Menschen, die zu einem Ausgleich führen können. Es empfehlen sich gemeinsame Unternehmungen, Spaß haben, um aus seinen negativen Emotionen heraus zu kommen. Ansonsten können sich die Eltern auch an die Schulleitung und Lehrer wenden. Wenn der Täter bekannt ist, lohnt sich eventuell auch eine Kontaktaufnahme zu dessen Familie. Außerdem ist auch eine Anzeige bei der Polizei eine Möglichkeit.

Welche Menschen begehen Cybermobbing?

Brümmer: Hier gibt es keine allgemeine Täter-Charakteristik. Meistens leiden die Täter selbst unter Minderwertigkeitsgefühlen, wollen sich dadurch selbst aufwerten, sich besser fühlen oder bei anderen gut ankommen. Manche wurden auch selbst zu Opfern und wollen sich rächen. Einige sind einfach weniger sensibilisiert, haben wenig Einfühlungsvermögen und wissen gar nicht, was sie mit ihrem Verhalten anrichten können. Sie suchen ein Ventil, um ihre Aggressionen rauszulassen. Und dann gibt es da natürlich auch die Mitläufer.

Wie können Eltern ihre Kinder schützen?

Brümmer: Am besten teilt man den Kindern frühzeitig mit, welche Gefahren und Risiken in den neuen Medien lauern: „Überleg dir immer gut, was du ins Netz stellst, welche Texte und Fotos du verwendest und was du wirklich von dir preisgeben möchtest.“ Auch Regeln beim Medienkonsum können hilfreich sein. Je weniger Zeit ich im Netz verbringe, desto weniger Angriffsfläche biete ich. Über allem sollte aber stehen, zu vermitteln: „Du kannst jederzeit auf uns zukommen.“ Vermeiden sollte man auf jeden Fall, dem Kind Vorwürfe zu machen, wie etwa: „Das hättest du dir doch denken können.“ Das schreckt sie nur zurück.

Gibt es sonst noch Präventivmaßnahmen?

Brümmer: Da kann ich nur sagen: Je mehr Öffentlichkeitsarbeit, desto besser. Gerade der Perspektivwechsel ist wichtig, der deutlich macht, dass jeder Opfer und Täter werden kann. Es gibt des weiteren Projektwochen in Schulen, die die Schüler sensibilisieren sollen. Übungen, um mehr Selbstbewusstsein zu erlangen und auch mal „Nein“ sagen zu können. Außerdem sollte man ihnen Informationen an die Hand geben, um zu verstehen, wie schnell etwas verbreitet werden kann. Das schlimme am Cybermobbing ist doch, dass manche Sachen nicht mehr aus dem Netz genommen werden können. Ein Angriff ist jederzeit möglich und es gibt keinen richtigen Schutz davor.

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