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Zwangs-OP: Gehörlosenexpertin kritisiert Jugendamt

22. November 2017 von
Nun meldet sich eine Expertin auf dem Gebiet der Gehörlosigkeit zu Wort. Symbolfoto: Eva Sorembik
Braunschweig/Goslar. Seit Anfang der Woche beschäftigt der Fall eines eineinhalbjährigen gehörlosen Jungen das Goslarer Familiengericht. Es geht um die Frage: Soll einem gehörlosen Kind gegen den Willen seiner Eltern eine Hörprothese (Cochlea-Implantat) implantiert werden? Jetzt meldet sich Katrin Kestner, Expertin auf dem Gebiet der Gehörlosigkeit, zu Wort.

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Den Stein ins Rollen soll der Chefarzt der HNO-Klinik des Städtischen Klinikums Braunschweig gebracht haben, indem er sich über eine Rechtsanwaltskanzlei an das Jugendamt gewandt haben soll.

Auf Nachfrage von regionalHeute.de hat das zuständige Jugendamt des Landkreises Goslar erklärt, dass es im vorliegenden Fall aktuell keine Kindeswohlgefährdung sehe. Durch seine „Wächterfunktion“ müsse es bei seinen Entscheidungen auch berücksichtigen, wie es im Hinblick auf die Zukunft um das Wohl des Kindes bestellt sei. Es gehe es um fachspezifische Fragen: Neben der im Raum stehenden Frage, ob der Eingriff gefahrlos vorgenommen werden könne, seien auch Fragen der Ethik zu beantworten, gab Landkreissprecher Maximilan Strache in seiner Stellungnahme zu bedenken. Die Beantwortung dieser Fragen erfordere die Zurateziehung von Experten, was im Rahmen des Gerichtsverfahrens erfolge.

Für Karin Kestner ist diese Stellungnahme des Jugendamtes „eine Ausrede, die man so nicht stehen lassen kann“, wie Kestner gegenüber regionalHeute.de heute erklärte. 

Die ungekürzte Stellungnahme:

Dieser Absatz ist doch unglaublich!

Ich weiß nicht genau, wie viele gehörlose Kinder im Bezirk Goslar wohnen, aber müsste dann nicht jedes gehörlose Kind der Umgebung, das kein CI hat, sofort auch vor Gericht gezerrt werden? Es gibt deutschlandweit sicher 2.000 gehörlose Kinder ohne CI, aber im implantierfähigen Alter.

Das sind doch Ausreden des Jugendamtes! Das Jugendamt kann ja mal in das Braunschweiger, Hildesheimer, Oldenburger oder Osnabrücker Förderzentrum gehen und die gehörlosen Kinder zählen. ( Das sind die Zentren in Niedersachsen)

Zur Wächterfunktion möchte ich das Bundesverfassungsgericht zitieren:

Es „kann keine Kindeswohlgefährdung begründen, wenn die Haltung oder Lebensführung der Eltern von einem bestimmten, von Dritten für sinnvoll gehaltenen Lebensmodell abweicht und nicht die aus Sicht des Staates bestmögliche Entwicklung des Kindes unterstützt (BVerfG, Beschluss vom 19. 11.2014 -1 BvR 1178/14 Rn 29)

Auch die Vorstellung der beteiligten Institutionen (Jugendamt, Ergänzungspfleger) von gelungener Erziehung und Förderung des Kindes darf nicht an die Stelle des Erziehungskonzepts der Mutter gestellt werden, denn dies ist nicht die Aufgabe des staatlichen Wächteramtes.

Und auch wenn ein Jugendamt keine Ahnung von medizinischen Dingen hat, sollten sie wissen, dass es KEINE Operation gibt, die gefahrlos ist und schon gar nicht eine, die am Kopf ausgeführt wird, in der Nähe von Gesichts – und Geschmacksnerven. Im Internet kann sich auch das Goslarer Jugendamt Filme anschauen, die eine Implantation zeigen. Dann könnte man noch mal von vorne beginnen, mit der Fragestellung und ganz allein auf ein Ergebnis kommen.

https://www.youtube.com/watch?v=woDmUYw1eK0

Zu den Ausführungen, dass es um Ethik gehe, sollte er sich nicht auf den Mitarbeiter des Jugendamtes Frank Dreßler stützen, der im Fernsehen –NDR- die Frage aufwirft, ob gehörlose Eltern ein Recht auf gehörlose Kinder haben. Nun, die Eltern haben sich das nicht ausgesucht!

Das Gericht hat auch niemanden angefordert, ein Gutachten zu ethischen Fragen zu erstellen.

Bei Gericht hat der Mitarbeiter des Jugendamtes nichts darüber sagen können, welche Gefahr für die Zukunft eines gehörlosen Kindes besteht. Ist auch schwerlich etwas zu finden! Gehörlose Kinder gehen mit Dolmetschern für Gebärdensprache in die Regelschule, jedes Kind nach seinen Fähigkeiten kann auch das Abitur machen und studieren – weder sozial, noch beruflich ist da etwas Negatives zu erwarten. Es ist einfach unerträglich, was Menschen über Gehörlose denken und auch noch öffentlich schreiben lassen.

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