Jugendherberge in Goslar fördert Menschen mit Behinderung

18. Dezember 2018
In der Küche der Jugendherberge Goslar, Astrid Hehlgans sitzt vorne ganz rechts. In der Mitte steht Uwe Wemken (mit Spitzbart) und links daneben Uwe Rump-Kahl. Foto: DRK
Goslar. Die Jugendherberge (DJH) in Goslar entwickelt sich mehr und mehr zu einem Vorreiter, was die Umsetzung einer UN-Konvention angeht. Das berichtet das DRK in einer Pressemitteilung. "Artikel 27 Absatz 1 fordert für Menschen mit Behinderung, sie sollen ihren Lebensunterhalt durch Arbeit verdienen können, in einem offenen und integrativen Arbeitsmarkt", erklärt Frank Hehlgans.

Hehlgans ist Vorsitzender des Goslarer Vereins Erik (Eltern für regionale Inklusionskonzepte) und habe in der Jugendherberge einen perfekten Partner gefunden. Die Jugendherberge am Rammelsberg (und die Außenstelle in Hahnenklee) führt Regionalleiter Uwe Wenken – und der ist ganz begeistert von der Idee, inklusive Arbeitsplätze für Menschen mit Behinderung zu schaffen. „Wir haben festgestellt, dass durch ihren Einsatz eine ganz andere Arbeitsatmosphäre entsteht“, sagt er. So sei ein ganz neues Wir-Gefühl entstanden. „Alte Strukturen wurden aufgebrochen, weil wir viele Arbeitsabläufe auf den Prüfstand stellen mussten. Und dadurch hat das ganze Team profitiert.“

Vor allem, seit die Zusammenarbeit kürzlich auf eine neue, professionelle Basis gestellt wurde. Praktikanten mit Behinderung gibt es mehrere in der DJH, aber nun wurde ein erstes festes Arbeitsverhältnis geschlossen: Astrid Hehlgans ist nun sozialversicherungspflichtig in der Küche beschäftigt. „Damit geht ihr größter Wunsch in Erfüllung“, sagt Uwe Rump-Kahl. Er ist als Geschäftsführer für die Inklusionsbetriebe und den Fachdienst zur beruflichen Eingliederung des DRK-Kreisverbandes Wolfenbüttel verantwortlich und begleitet die heute 22-Jährige schon seit vielen Jahren.

„Langer Atem nötig“

„Anders ging es nicht“, erklärt er rückblickend. Bis der Meilenstein „Arbeitsvertrag“ möglich wurde, sei ein langer Atem nötig gewesen. „Wir mussten unheimlich viele Entscheider mit ins Boot holen.“ Der engagierte Elternverein Erik allein habe nichts bewirken können, und auch die Hilfen von Uwe Wenken wären verpufft, wenn nicht der DJH-Landesverband und eine Reihe von Behörden – nach langwierigen Interventionen – mitgespielt hätten.

Nun aber ist das Pilotprojekt gestartet und soll baldmöglichst viele Nachahmer finden. „Ich bin sicher, dass sich die Idee von Herbergen als Inklusionsbetrieben schnell im ganzen Land verbreitet“, glaubt Hendrik Menze, Vertrauensperson der Schwerbehinderten Menschen im DJH-Landesverband, der seinen Verband in der Causa Hehlgans beraten hat. „Durch die Umsetzung des Projekts hier in Goslar haben sich die Rahmenbedingungen schlagartig verbessert.“

Uwe Wenken glaubt ebenfalls fest an eine Breitenwirkung. „Unser Landesverbandsgeschäftsführer Norbert Dettmar steht voll hinter der Sache und hat uns toll unterstützt.“ Solche Erfahrungen macht Uwe Rump-Kahl in seiner täglichen Arbeit nicht oft: „Bei vielen Arbeitgebern geht automatisch die Klappe zu, wenn sie das Thema Schwerbehinderung hören.“

„Nebulöse Ablehnung“

Auch Frank Hehlgans spricht von einer „nebulösen Ablehnung“ der Menschen mit Behinderung. „Wenn Arbeitgeber und Kollegen den einzelnen Menschen dann aber kennenlernen, dreht sich das Ganze schnell um.“ Er bewertet den ersten Arbeitsvertrag für seine Tochter Astrid so: „Wir haben jetzt ein Türchen geöffnet in die Arbeitswelt. Nun müssen wir es zu einem Tor machen, für ganz viele Menschen mit Behinderung.“

Der Herbergsverband mit seiner Vereinsstruktur biete dafür eine hervorragende Plattform, findet Wemken. „Unsere Häuser sind ja im ganzen Land verbreitet und bieten perfekte Einsatzmöglichkeiten. Die Anforderungen bei uns sind so unterschiedlich, dass jeder nach seiner Einschränkung eingesetzt werden kann.“ Er habe sich noch nie damit abfinden können, in seinen Häusern nur behindertengerechte Zimmer anzubieten. „Damit sollte unser Auftrag schon erfüllt sein? Wohl kaum.“

Mittlerweile habe der fortschrittliche Ansatz sogar schon Eigendynamik entwickelt: Inklusions-Schulklassen kämen verstärkt nach Goslar, und sein Haus werde zur Anlaufstelle für Familien mit behinderten Angehörigen. „Ich habe aber noch weitere Ideen in petto“, erzählt er schmunzelnd und nennt erstmal nur den Plan eines Inklusionsspielplatzes auf der Wiese des Rammelsbergs.

Zu all dem passt das Motto des Herbergsverbandes, als sei es dafür gemacht: „Gemeinschaft erleben“ heißt der DJH-Slogan. Und in dieser Sache könnten die Jugendherberge Goslar und Astrid Hehlgans tatsächlich zu einem Impulsgeber für das ganze Land werden.

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